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Analog: Fotografie mit Seele?

Dieses Thema im Forum "Allgemeines" wurde erstellt von Mark, 4. März 2014.

  1. Mark

    Mark Administrator

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    Nachdem dieser Artikel in meinem blog regen Zulauf findet, möchte ich ihn auch hier im Forum nochmal gerne zur Diskussion stellen

    (Link zum Blogartikel: Fotografie mit Seele? @ markkujath | photography.)

    Es war – einmal wieder – eine Diskussion mit Marc Grosse-Allermann, und dessen Artikel “Sterile Langeweile”, und schon begann es in meinem Kopf zu rasseln…

    Das “perfekte Bild” ist für uns alle inzwischen vollkommen normal geworden, und gewissermassen Standard. Wir schauen uns all die perfekten Bilder gar nicht mehr genau an, unser Gehirn blendet sie aus, sie sind “normal” geworden – und doch hängen wir alle dem “perfekten Bild” hinterher – mit der perfekten Technik… Wir haben Kameras mit 40 Megapixeln, Autofocussysteme voller Hightech, neuerdings sogar Kameras mit selbstsuchendem “Augen-AF”, und viele Fotobegeisterte können Tagelang über nichts anderes diskutieren, als über Technik, Pixel, featurefucking details… im Wettrennen um die beste Ausrüstung für das “perfekte” Bild… Bei all der Technik und den Pixeln, den Workflows und Circles of Confusion, dem checken von Webseiten und Labortests auf dem Weg zum perfekten Bild kann man schon mal ein paar Kleinigkeiten vergessen…

    Und plötzlich siehst Du es. Dieses eine Bild. Das so anders ist. So fremd aussieht. So gar nicht perfekt sein will. Es ist schwarzweiss. Aber anders schwarzweiss als es der neueste “NIK-Filter mit Edition Pack” hinrechnet. Es hat andere Grautöne, es ist nicht wirklich scharf, also doch scharf, aber nicht so, wie Du es kennst, es hat eine andere Dynamik, es es körnig, aber anders, es ist… “lebending” – das Bild hat eine Seele!

    Auf der Suche nach den “Exif-Daten” findest Du es heraus – die “Nikon FA” ist also die Kamera, fotografiert wurde mit ISO400 auf – FILM!

    Die Sache mit dem Film
    Ja, ich bin “gross” geworden mit der Fotografie auf Film, und ich habe es geliebt und gehasst gleichermassen. Weil es nichts anderes gab. Schlecht entwickelt, “der Schuss” unscharf, keine Bildkontrolle, schlechte Qualität (wir fanden das gut damals!!), nur 36 Bilder auf einem “Speichermedium”, was waren wir genervt… Ich liebe die digitale Fotografie mit ihrer unfassbaren Qualität, der Geschwindigkeit, den Möglichkeiten der Nachbearbeitung, das nicht nachdenken müssen, ob man jetzt nochmal auslöst oder nicht, die schnellen AF-Systeme, und ja, ich liebe auch mein Aperture – viel mehr als die Pergamenthüllen für Negative – und trotzdem war es immer toll, die Kontaktbögen und die Negative abzuheften…

    Und trotz all der Vorzüge hat es die digitale Fotografie bisher aus meiner Sicht nicht geschafft, den Bildern eine Seele zu geben, so wie es die analoge Fotografie zu tun vermag. Aus meiner Sicht ist das nicht das Fehlen von Features wie Autofocus (den mag ich auch bei analogen Kameras), sondern es ist der Umgang mit dem Medium und das viel bewusstere Umgehen mit dem “Medium Fotografie”. Es geht schon damit los, die Kamera zu öffnen, einen Film aus der Verpackung zu nehmen, ihn einzufädeln. Dann das bewusste Fotografieren, das Spüren, wie der Film durch den Kamerabody gezogen wird… Dann das Entnehmen der Filmpatrone, den Anfang herausziehen, ein Stück abschneiden, das Fluchen in der Dunkelkammer, den Film aufzuspulen, wieder mal eine Schere vergessen zu haben, das Tasten nach dem Deckel der Jobo – Dose, und dann die endlosen 15min vom Entwickeln übers Fixieren und Spülen, bis Du den entwickelten Film patschnass aus der Spule ziehst und zum Trocknen aufhängst – und schon zu beurteilen versuchst, ob die Schüsse, die Dir so wichtig waren, sassen oder nicht… Deine Hände riechen nach Fixierer…

    Und dann die Ergebnisse: In verhältnismässig schlechter Qualität (jede digitale ist schärfer, perfekter) schaust Du Deine Bilder an, Bilder mit Seele, Bilder die “gewachsen” sind, die “sich entwickelt” haben in Deinen Händen, Bilder die eine Geschichte haben, eine Dynamik haben, wie sie keine digitale Kamera darstellen kann, Bilder die einfach lebendig sind…

    Inzwischen gehören beide Arten der Fotografie für mich zu jedem Shooting dazu. Wohl wissend aber, dass der Blick für “Fotografien mit Seele” nicht jedem vergönnt ist. Spätestens, wenn es um kommerzielle Arbeiten geht, ist Analog heute ein absolutes NoGo. Die analoge Fotografie hat für mich heute mehr den Stellenwert der Kunst, und ist für mich eine Ausdrucksform von mir als Fotografen. Und trotzdem hat die analoge Fotografie ihren Weg auch in meine digitalen Arbeiten gefunden, denn fast alle digitalen Bilder bearbeite ich so, dass sie im Look meinen geliebtesten analogen Filmen nahe kommen…

    …ein kleines bisschen Seele für die technische Perfektion unserer Zeit…
     
  2. BeagleSnoopy

    BeagleSnoopy canikon Mitglied

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    Zur Diskussion stellen? Zählt ein "ja, du hast vollkommen Recht. Isso." als Diskussion? ;)
     
  3. Mark

    Mark Administrator

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    Absolut. *yiepieh*
     
  4. zoz

    zoz Moderator

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    Ob ein Bild Seele hat entscheidet sich für mich nicht darin ob es analog oder digital aufgenommen wurde. Da entscheiden Motiv, Aufbau, Gestaltung, Licht, Timing und vor allem die IDEE!

    Das digitale Fotos heute technisch perfekter sind ist ohne Frage richtig, aber die Seele eines Bildes an den Imperfektionen fest zu machen fällt mir schwer.
    Dass man im Labor nicht ordentlich gearbeitet hat und deshalb Die Negative Staubflecke und Kratzer haben macht sie imho nicht künstlerisch wertvoll und hätte früher eine Ohrfeige vom Meister gegeben! ;)

    Sicherlich wird beim digitalen arbeiten (da es einfach möglich ist) mehr oder vielleicht auch zuviel Wert auf die technische Perfektion gelegt und damit vielleicht der Blick aufs wesentliche vergessen.
    Das ist aber meiner Meinung nach ein Problem des Fotografen und hängt nur sekundär an der Technik.
    Die Analoge Kamera zwingt den Fotografen dazu sich im Vorfeld mehr Gedanken zu machen da z.B. die direkte Ergebniskontrolle nicht möglich und die Zahl der Belichtungen sehr begrenzt ist man die Filmempfindlichkeit nicht mal eben wechseln kann usw...
    Und dann wird man während des eigentlichen Fotografierens nicht mit einer solchen Informationsflut bedrängt. (Keine Ansicht des gemachten Bildes keine möglichkeit die Schärfe, Belichtung etc. zu kontrollieren) Und vielleicht gelingt es deshalb auch besser sich aufs Motiv zu konzentrieren.
    Aber wie schon gesagt, das sind alles Sachen die eigentlich am Fotografen hängen und nicht an der Technik. Man kann sich auch digital vorbereiten, auf die Review verzichten und Zahl der Aufnahmen begrenzen... wenn man will...

    Der sogenannte "analoge Look" ist imho nur bei wirklich analogen Bildern spürbar. Also bei Bildern die auch analog vergrößert wurden. Aber die lassen sich im Internet nun mal leider nicht präsentieren...
    Z.B. Körnigkeit und Schärfe eines analogen Bilds (vor allem bei SW-Bildern) wird durch das Scannen so extrem verändert, dass es mir schwer fällt hier noch von analogen Bildern oder einem analogen Look zu sprechen.
     
  5. BeagleSnoopy

    BeagleSnoopy canikon Mitglied

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    Ich verstehe Steffens Gedanken... kann aber trotzdem irgendwie nicht so richtig zustimmen.
    Speziell auf Marks Fotos bezogen würde ich das ganze vielleicht umformulieren und nicht unbedingt von Seele sprechen, sondern von Charme, oder Reiz. Denn den haben Marks analoge Fotos (für mich zumindest :) ). Einen ganz besonderen Reiz - während die analogen oft einfach "nur" perfekt sind, mir beim Betrachten aber etwas fehlt. Schwer zu beschreiben, aber zumindest Mark weiß glaube ich, was ich meine, weil wir über das Thema schon öfter gesprochen haben.


    edit: und irgendwie dachte ich gerade, wir wären in dem anderen Thread... Thea analog und digital... vielleicht in den Thread noch mal gucken und dann meine Antwort noch mal lesen und verstehen, was ich meine ;D
     
  6. Mark

    Mark Administrator

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  7. zoz

    zoz Moderator

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    Ja, aber worin liegt für Dich der besondere Reiz der analogen Fotos?
    Das zu beschreiben, oder vielleicht sogar zu ergründen wäre doch sehr interessant. Und auch wichtig damit es nicht nur "Esoterik" ist.
     
  8. Mark

    Mark Administrator

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    Es IST Esoterik!

    :)

    "Absichtlich" Bilder in schlechterer Qualität zu machen ist es nicht. Ich persönlich liebe den Look, das Gefühl, das Bild in meinen Händen entstehen zu sehen (ich entwickle die Filme ja immerhin noch selber, auch wenn ich danach scanne ud nicht ausbelichte). Die Konzentration aufs Motiv ist vollkommen anders (für mich), und ich mag das Handling mit Filmen. Die analoge Fotografie hat für mich also mehr etwas emotionales, als etwas sinnvolles - es ist für mich auch ein Stück weit mehr "Kunst" - also komplette Esoterik. Und ICH LIEBE ES!
     
  9. zoz

    zoz Moderator

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    Die Frage richtete sich ja eigentlich nicht an Dich sondern an Katharina und die anderen Betrachter Deiner Bilder die an den sinnlich essigsauren und sensorischen Erfahrungen im Labor ja keinen Anteil hatten. ;)

    Dass die Konzentration aufs Motiv mit einer analogen Kamera ganz anders ausfallen mag hatte ich ja oben schon gesagt. Aber das kann man auch digital haben wenn man sich dort den selben Einschränkungen unterzieht.
    Ist es für Dich vielleicht mehr Kunst weil es weiter weg von "Broterwerb" oder Auftragsarbeit ist für die Du ja eben die Digitale verwendest, wohingegen die Analoge losgelöst von irgend welchen Pflichten einfach Freiheit bedeutet?
     
  10. Mark

    Mark Administrator

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    Ahh, stimmt: Katharina?

    @Steffen: Stimmt, ich lasse mich gerade bei den freien Arbeiten sehr gerne "analog inspirieren" - ich mag diese Ruhe einfach...
     
  11. BeagleSnoopy

    BeagleSnoopy canikon Mitglied

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    Äh ja, also... ich musste erst mal ne Nacht drüber schlafen ;) Ne, Spaß beiseite.
    Woran liegt für mich der besondere Reiz der analogen Fotos? Ich glaube zu einem Teil schon mal daran, dass ich selbst es nicht mache/nicht beherrsche und es generell faszinierend finde, wenn jemand anderes so etwas kann und macht und mit so viel Leidenschaft bei der Sache ist. Zeit investiert, Arbeit rein steckt, in Kauf nimmt, dass die Hälfte (oder mehr) nichts wird... das WEISS ich ja alles, auch wenn ich noch nicht mit Mark zusammen im Labor stand ;D.
    Und zum anderen finde ich, sehen sie einfach besser aus. Anders. Mehr wie Fotos (wie ich Fotos als Kind kennen gelernt habe) und weniger wie Hochglanz-Katalog-Aufnahmen. Sie haben das gewisse Etwas.
     
  12. Marc

    Marc canikon Legende

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    Da ich ja mal wieder Schuld bin. Ich bin durch Mark darauf gekommen, auf Film zu fotografieren und selber zu entwickeln. Habe mir zum Geburtstag eine Leica M2 mit einem 35/2.5 von Voigtländer gegönnt, und dazu hat sich mittlerweile auch ein 50/2 von Zeiss gesellt. Und ich freue mich richtig darauf meine ersten Portraits damit zu machen und auch nur Shootings auf Film zu machen.

    Warum ist das so? Nun, bei meinen digitalen Bildern ist es so, dass ich mich in der Bearbeitung schon sehr zurück halte, im Vergleich zu früher. Keine perfekte Haut mehr usw. Dazu fotografiere ich digital nur noch mit einer Fuji X-E2 und 35/1.4, analog die Leica und ne Pentacon six TL. Irgendwie minimalistisch. Und ich mag es. Keine Materialschlachten mehr, nur noch fotografieren. Und was mir besonders gefällt. Film entwickelt, eingescannt, vielleicht noch Staub usw entfernt und fertig. Kein stundenlanges schieben an irgendwelche Reglern usw. Das mag ich ganz besonders.
     
  13. Christian Ahrens

    Christian Ahrens canikon Mitglied

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    Hallo,

    ich kann die Freude am Handling analoger Technik, Medien usw. gut nachvollziehen, auch wenn ich jeden Tag dankbar drei Kreuze schlage, dass ich mich nicht mehr damit befassen muss.

    Für wichtiger halte ich jedoch den Umstand, dass der Fotograf "eine Seele hat" und dass seine Bilder etwas zu erzählen und auszudrücken haben. Dann ist das Medium meiner Ansicht nach völlig zweitrangig.

    Was ich nie verstanden habe: warum man digital aufgezeichnete Bilder auf "analog" trimmt. Für mich ist das ein Vorgang, der dem Medium nicht gerecht wird. Man versucht ja auch nicht, analoges Material auf "digital" zu trimmen.

    VG
    Christian

    www.christianahrens.de
    www.ahrens-steinbach-projekte.de
     
  14. zoz

    zoz Moderator

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    Ohhh Jaaa!!!


    Das ist nicht die analoge Fotografie so wie ich sie gelernt habe!
    Das waren endlose Materialschlachten mit mehrstündigen Sitzungen in der Dunkelkammer für ein einziges Bild. Dabei aufwendigen Verfahren anwenden mit mehreren Entwicklern, Masken, manuelles Eingreifen mit dem Schwamm usw...)
    Danach mit dem Pinsel und Eiweislasur ausflecken.

    Du nutzt die Annehmlichkeiten des digitalen Workflows, sparst Dir die aufwendigeren Teile und nennst es dann analoge Fotografie weil Ausgangspunkt vor dem Scan ein Negativ war. Aber eigentlich ist es keine Analoge Fotografie mehr.
    In der Digitalkamera entsteht vor dem Sensor auch ein analoges Bild welches dieser "abscannt"! ;)
     
    #14 zoz, 7. März 2014
    Zuletzt bearbeitet: 7. März 2014
  15. Thomas W.

    Thomas W. Aktiver canikon

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    Hallo,

    Entschuldigung, wenn ich gegen den Strom schwimme aber ich kann die Geschichte mit "analog" vs "dialog" = "seelenhaft" vs "seelenlos" absolut nicht mehr hören.

    So einfach mal frei von der Seele:

    Genau dieses Thema habe ich mir lange genug auch bei der Musik beim Thema CD vs Schallpallte anhören (müssen ), denn da wird genauso argumentiert.
    Seltsamerweise hört man die Diskussion beim Videoband contra DVD/Blu Ray überhaupt nicht.
    Warum: Weil jeder die Vorteile der DVD/Blu Ray nachvollziehen kann: Bild und Ton sind eben meilenweit dem klassischen Videoband mit 240 Linien überlegen und auch S-VHS mit 480 Linien erfüllt gerademal die NTSC-Norm mit max. 486 Zeilen.

    Das Problem liegt nicht in der Betrachtungsweise des Mediums sondern hängt eher an dem Wort "digital": Damit hängt eine unglaubliche und für mache sogar unheimliche Datenflut zusammen. Durch die massenhafte Verbreitung ist dadurch ein gewisser Werteverfall zu erkennen, Schallplatten und Videobänder wurden ja nie so oft kopiert, wie beispielsweise CDs und DVDs.
    Auch manche Programme auf dem heimischen Rechner sind bei vielen eine "von Freunde für Freunde-Version", weil man nicht bereit ist, den kreativen Wert eines Programms anzuerkennen und entsprechend zu entlohnen.
    Digitale Medien lassen sich munter kopieren, runterladen oder verbreiten ob illegal oder legal spielt da zunächst bei der Betrachtung keine Rolle.

    Wir werden, ob gewollt oder ungewollt, überhäuft mit Nachrichten und Informationen, so dass ich geneigt bin, von einem "Über-Informationszeitalter" zu sprechen.
    Wenn man bei Spammails von einem Vorfahren sprechen will, dann sind es wohl die klassischen "Urlaubspostkarten", die ja überwiegend nach dem "lesen" liebevoll entsorgt wurden.

    Zurück zur Fotografie: Auch hier sorgte die Digitalisierung die massenhafte Verbreitung des Mediums im Netz. Aufgrund der Masse die Perlen zu erkennen ist eine nahezu unmögliche Aufgabe, außerdem ist es wie bei allen kreativen Dingen: Schönheit liegt im Auge des Betrachters.
    Zudem hat man sich beim betrachten der Fotos eine übliche Konsumeigenschaft angewöhnt: Bilder werden heute vorzugsweise über einen Monitor angeschaut und die Diashow findet abwechselnd höchstens noch auf dem TV-Gerät oder Beamer statt.
    Die ganze Prozedur mit Leinwand aufbauen, Diaprojektor einrichten, alles das gibts nicht mehr. Auch muss man keine kiloschweren Fotoalben rumschleifen, ein USB-Stick genügt und schon ist man unagefochten mobil.

    Entscheidend ist meines Erachtens nicht das "digitale entstehen" eines Fotos, sondern was damit passsiert.
    X-tausend Fotos auf dem PC können nicht ein Foto an der Wand ersetzten und ausdrucken hilft unter dem Strich auch nicht weiter, denn dann werden nur die Schränke mit Fotoalben gefüllt.
    Spätestens in diesem Statium hilft es auch nicht der analogen Fotografie nachzutrauern, denn nicht wenige Schränke sind voll mit analogen Papierfotos oder Dias.

    Genau betrachtet hat sich eigentlich nur der "Speicherort" geändert, ob mit Seele oder ohne.
    Nur dass man sich darüber nicht so ausgetauscht hat.

    Und Morgen ? Nach soviel Philosophie machen wir morgen genauso weiter, füllen Speicherkarten und Festplatten mit "Nullen" und "Einsen", nur halt: Manchmal ist etwas besonderes dabei, ist da nicht noch irgendwo eine Wand frei ???
    Was mit dem besonderen Foto passiert, liegt an jedem einzelen. Nur er entscheidet, ob es das Licht der Welt an der Wand erblickt oder ob es mit vielen anderen irgendwo schlummert, egal wo.
     
  16. Marc

    Marc canikon Legende

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    Ja dann sind viele die ich so kenne gar keine Analogen ;)
     
  17. zoz

    zoz Moderator

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    Die haben bestimmt auch eckige Köpfe!:p

    Aber im Ernst:
    Ich habe noch in keinem Fotoforum ein analoges Bild gesehen, und ein Eingescanntes Negativ oder Dia ist für mich genau so ein Digitalfoto wie eines welches direkt aus einer Digitalkamera kommt.
    Ein MP3 von einer digitalisierten Schallplatte ist ja auch keine analoge Musik mehr, auch wenn das Knacksen und rauschen dann mit drauf ist!
     
  18. MadDog J

    MadDog J Live Performance Artist

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    aaahhh da ist des Pudels Kern .... Entschleunigung! jaja ... immer online, immer Fotobereit, Smartphone, Digicam, Digitales Dickschiff, Cam am Notenbuchtablett ... kann ja jeder ... Rest mit Autokorrektur einer der tausend Freesoftware Tools .... who2f is Adobe?? ...
    bissi unfair ... am Ende gab von meinem Opa aus 1915-30 ca. 20 Fotos ... ab den 70-ern Alben voll und wenn ich mich sehe, von meiner Fam GB von Fots ....

    was wird also bleiben, was ist das Foto, was DAS Bild eines lieben Moments wiederspiegelt? Was ist das Bild ... ahhh ... der Papa ... klar

    Ich bin eher bei Zoz, das ist keine Technische Frage Zellulitis oder Digititis sondern einfach: das Momentum.

    Beispiel: ich hatte durch eine Zufall die Gelegenheit einen der wichtigsten Plätze meiner Kindheit zu besuchen. und ... keine Cam dabei! Ich schwörs, ich hätte sonst was gezahlt ... und die Sonne ging unter ... einzige Fotooption an einer Tanke eine Kodak 5€ Filmincam Papschachtel ... egal ... schnell hin 12 Bilder glaub ich ...

    Und ja ... sind die schlecht ... also technisch ... niemandem bedeuten diese Bilder etwas ... grau rauschig ... irgendwie einfach matschiger Weitwinkel
    Und ich ... nur ich ... hab Pipi in den Augen ... es ist das Momentum das wir mit dem Bild verbinden.

    Wenn Du lieber Mark mit dem Momentum der analogen Fotografie eben Deine Situation der deperfektionierten Entschleunigung verbindest, was ich Dir von Herzen gönne und wozu ich Dir alles Liebe wünsche, ist es dennoch nicht fair die Technikfrage zu stellen ... Momentum ist technikunabhängig ...
    so denke ich
    ... und allen die das nicht so sehen, sei das ebenso mit tiefenentspannten Grüßen zugestanden - ciao Euer Mad
     
  19. zoz

    zoz Moderator

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    Was für eine Wortschöpfung!!! :god:*danke*
     
  20. JBM

    JBM Aktiver canikon

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    ufff - da weiß ich doch gleich wieder warum ich hier bei Canikon richtig bin (auch wenn ich mich in letzter Zeit eher rar mache .... aber auch das hat ein wenig mit dem Thema dieses Freds zu tun ...)
    Hier kann man nun wirklich nichtmal eben spontan ein "gefällt mir" anklicken, ohne gleich recht deutlich (und auch noch mit vollem Recht und gott-sei-dank!) gefragt zu werden, warum denn um Himmels willen das soooo toll war und ob man sich das nicht doch lieber mal ganz anders überlegen sollte ... ihr seid echt anstrengend hier :p
    ... und dafür liebe ich dieses Forum noch immer so sehr - es ist eben sehr viel ernsthafter (das meine ich inhaltlich - nicht auf den Umgangston oder in Richtung "unlustig" gemünzt!), als alles andere, was ich so im Netz sehe. So - jetzt aber zum Thema:

    Gut - ich war von dem gezeigten Bild richtig angetan. Das ist bei mir durchaus bemerkenswert, weil ich mit dem Thema Portrait/People wie ihr alle bereits wisst, normalerweise so überhaupt nichts am Hut habe. Dann hat mich auch der Text und der verlinkte Blog-Beitrag durchaus angesprochen und ich fühlte mich "abgeholt" und auch spürbar inspiriert durch diese Eindrücke.
    zunächst habe ich das tatsächlich auf den "analogen Look" des Bilds und auf die eben "andere, nicht digitale" Entstehungsweise geschoben, was - da muss ich den Kritikern und Aufklärern hier in Fred vollkommen Recht geben - eine deutliche Fehldiagnose war.

    Bei nochmaliger Überlegung:
    1. In der analogen Zeit habe ich ausschließlich mit Diapositivmaterial fotografiert, war also auch kein 100%-iger "Analoger", der in essigsauren Brühen gepanscht hat und das Entstehen des Bildes in der DuKa genossen hat. AAAAAaaaber: Ich habe mir damals sehr viel besser VORHER überlegt, was ich denn wie und ob überhaupt fotografiere und dann eben ein - manchmal auch zwei, in extremen Ausnahmesituationen mal drei oder mehr - Aufnahmen gemacht. Immer habe ich mir in mein Notizbuch geschrieben, was heute in den EXIFs drinsteht und nachher dann auch immer verglichen, ob das nun und warum und wie vielleicht suboptimal war ... die Zeit zwischen Aufnahme und kritischer Betrachtung des Ergebnisses war ebenfalls nicht nur Verlust und schlecht, sondern schaffte auch den nötigen (emotionalen) Abstand, um das Bild halbwegs selbstkritisch betrachten zu können - von der Vorfreude gar nicht zu sprechen.

    2. Ich spüre immer stärker den Drang (und setze das auch immer häufiger tatsächlich um), wieder zu der bewussteren und langsameren Vorgehensweise bei der Aufnahme zurückzukehren und die schnelle Digitalspeedmania genauso bewusst eben in genau den Situationen anzuwenden, die früher mit der manuellen Scharfeinstellung und manuellem Filmtransport schlicht nicht machbar waren. Der Blogbeitrag hat mich genau darin (dem ersten Teil - Entschleunigung ...) bestätigt.

    3. Das mit der "Seele" im Bild ... naja - da häng ich mich mal an Mark ".... es IST Esoterik ..." Bei Licht und genau betrachtet ist die "Seelenaussage" natürlich Blödsinn - ist mehr eine Metapher in der sich auch meine Begeisterung für das sehr natürlich wirkende Bild, dessen Gestaltung, der Blick des tollen Models und, und und widerspiegelt.

    4. Ich stimme damit überein, dass der Unterschied eben nicht ursächlich dadurch gemacht wird, ob ein Bild in analoger oder digitaler Technik entsteht. Beide Welten haben ihre eigenen Methoden und Grenzen und - siehe Scannen analogen Materials - fließen sogar ineinander. In der analogen Welt war ich nie "damit einverstanden", dass auf Film oder am Positiv "herumretuschiert" wurde - da war für mich immer eine Grenze der "Ehrlichkeit" überschritten, irgendie empfand ich das als gelogen oder unfair ... Andererseits war es völlig o.k. wenn in der DuKa am Belichter und im Entwicklungsprozess mit der Chemie etc. "optimiert" wurde ... schließlich hat Ansel Adams seine Landschaftsfotos auch nicht einfach nach Standardverfahren aus dem Großlabor erzielt, sondern so einiges aus der Trickkiste geholt - und das war für mich völlig i.O.
    Heute in der digitalen Welt habe ich auch wieder so eine verschwommene Grenze für mich gezogen, die sich auch munter hin und her verschiebt. Photoshop & Co nutze ich selbst, um meine Bilder zu optimieren, ja - manchmal auch zu "retuschieren/manipulieren", Fokusstacking geht voll in Ordnung usw. Andererseits käme ich heute nie und nimmer auf die Idee, aus Fotos mit PS irgendein Fantasiebild zu composen oder eine Personenaufnahme auf Beauty zu trimmen (Pickel zu reduzieren geht aber klar ... also schon wieder sehr schwammig und dünnes Eis ...)

    5. Das mit der Flut der Bilder und sonstige Daten/Medien ist sicher auch ein extrem wichtiger Punkt. Sowohl die Menge des verfügbaren und auch tatsächlich abrufbaren "Materials" ist extrem groß geworden, als auch - und das finde ich bei jetzt näherer Betrachtung fatal - unser Umgang damit hat sich in perfekter Symmetrie zur Fotografie völlig verändert. Es werden in 10 Minuten ein paar hundert Bilder am Monitor durchgeklickt und mit hektischen Mausklicks bewertet und "geliked" - oft sogar nur in den beschnittenen und verkleinerten Vorschauen. Die Zeit für die intensivere Auseinandersetzung mit einem Bild nehmen sich (scheinbar?) immer weniger Menschen (scheinbar?) immer seltener. Auch da fasse ich mich an die eigene Nase, obwohl ich glaube, auch in Communities wie z.B. 500px zu denen zu gehören, die versuchen, ein Bild wirklich zu betrachten, es zu verstehen und dann zu beschreiben, was warum wie auf mich wirkt und wo ich etwas evtl anders machen würde etc. Das mache ich auch, um selbst dabei zu lernen.

    6. Auch wenn ich meinen Analogkram noch immer habe und das Zeugs funktioniert auch noch einwandfrei: Ich fasse es zum Fotografieren definitiv nicht mehr an. Es geht sogar noch weiter: Wenn ich losziehe, nehme ich (sofern irgendwie machbar) das Optimum an Abbildungsleistung mit, das mein Fundus zu bieten hat. Damit wird der Widerspuch zwischen der ersten Reaktion (Gefühl?) und meinem Verhalten (Verstand?) nochmal so richtig klar: Erstmal spontan ".... super toll - Seele ... analog halt ..." und bei genauer Betrachtung hat es mit der analogen Technik nur indirekt zu tun, weil diese einige Fehlentwicklungen (? - vielleicht eher unschöne oder störende Entwicklungen?) im Umgang mit der digitalen Technik eben unmöglich macht und damit einen höheren Einsatz (im Sinne von bewusstem Vorgehen, Können etc. - nicht notwendigerweise im Sinne von "Schweiß") vom Fotografen fordert.
    Es bleiben dann am Ende doch nur relativ gut greifbare Eigenschaften des Bildes und recht konkrete Aspekte der Entstehungsgeschichte des Bilds übrig, die mich nach wie vor zu dem gleichen Urteil bringen: Das ist ein TOP-BILD, das mich absolut anspricht!
    ... und inzwischen verstehe ich viel besser, warum es das tut. Ich bin mir sicher: Das wäre auch mit einem 100% digitalen Workflow genauso möglich gewesen.

    Also denn - das war das Wort zum Mittwoch - und gute Nacht allseits ;-)

    liebe Grüße und vielen Dank für die für mich sehr aufschlussreiche Diskussion!

    Jürgen
     
    #20 JBM, 11. März 2014
    Zuletzt bearbeitet: 11. März 2014